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Das Weblog zur Volkskunde des Bankraubs

 

Brecht-Zitat

sowie eine Neufassung des berühmt-berüchtigten Brechtzitates:

"Was ist das Töten eines Bankers gegen den Job eines Bankers" -

Und dann wird es wieder heissen: Aber ist das nicht ein Aufruf zur Gewalt?

Hier der Film von Dominik Locher und Katharina Cromme
mit Roland Wagner in der Rolle als Bänker.



Tja und dann am Schluss auch noch die Neufassung von Mackie Messer

Es ist ja nicht so neu das Phänomen. Bereits in der NSDAP gab es jenen pseudo-sozialistischen Flügel, der das Finanzkapital für alles Übel in der Welt verantwortlich machte.

Auch die Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung musste schmerzlich erfahren, dass Neo-Nazis Versatzstücke in ihre Ideologie erfolgreich einzubauen vermochten.

Da war es nur noch eine Frage der Zeit bis ein Nazi sich auch noch des ollen Bert Brecht bedienen würde. Auf der Webseite der NPD Löbau-Zittau beglückt uns Parteifunktionär Jürgen Gansel mit seinen Weisheiten über den Nationalstaat.

"Die eiserne Faust der Staates statt der unsichtbaren Hand des Marktes.
Als Folge der internationalen Finanzmarktkrise wächst die Wirtschaftsautorität des Nationalstaates, so Jürgen Gansel (NPD).
(...)
Seit der Weltwirtschaftskrise nach 1929 war es nicht mehr so leicht wie heute, den Unterschied zwischen Werte schaffender Wirtschaft und Werte raffendem, oft auch Werte vernichtendem Finanzkapital plausibel zu machen. Mit dem Vertrauen der Sparer und Steuerzahler in das Finanzsystem schwindet auch das Vertrauen der Staatsbürger in ein politisches System, das nur noch als Agentur für Kapitalinteressen wahrgenommen wird."


Da darf auch die berühmte Sentenz nicht fehlen:

"Bei dieser nicht nur unmoralischen, sondern auch kriminellen Dimension des Finanzkapitalismus fühlt man sich an die suggestive Frage Bertold Brechts erinnert: „Was ist schon ein Banküberfall im Vergleich zur Gründung einer Bank?” Oder aktueller: „Was ist schon ein Banküberfall im Vergleich zu einer verzockten Bank?”"

In Bezug auf Brecht beinhaltet dieser Absatz zwei Fehler:
1. Es heisst "Bertolt"
2. Brecht sprach von Einbruch und nicht von Überfall.

Na ja, den Fehler machen auch die anderen, die Chose mit dem raffenden und schaffenden Kapital stammts aus dem Gruselkabinett des Nationalsozialismus und war noch nie eine fundierte Analyse des Kapitalismus, sondern dient(e) einzig und allein der antisemitischen Ideologie.

Der arme Brecht. Sein Zitat wird wohl nimmermehr richtig wiedergegeben werden. Aber wenn schon über seine Dreigroschenoper Jubiläumsartikel erscheinen, dann sollten die VerfasserInnen doch dazu fähig sein, aus der literarischen Vorlage richtig zu zititeren. Nicht aber der Privatsender n-tv (31.08.2008):

"Die Moritat von Mackie Messer "Und der Haifisch, der hat Zähne" wurde ein Welthit, der Satz "Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank" wurde zum vielzitierten geflügelten Wort."

Die Zürcher WOZ (14.2.2008) liefert noch eine andere Perspektive auf den jüngsten bewaffneten "grossen Zürcher Kunstraub". Der Artikel von Daniel Ryser zitiert eingangs einen Newsletter des St, Galllener ­Konzertlokals Palace:

«Was ist schon ein Kunstraub gegen die Gründung einer Kunstsammlung? Wie beispielsweise die des Schweizer Waffenexporteurs Bührle, dessen Vermögen in den Jahren 1936 bis 1944 von 0,14 auf 127 Millionen Franken anwuchs.»

Und die WOZ:
"Ohne seine Waffen hätte Emil G. Bührle nie Bilder kaufen können. Ohne ihre Waffen hätten die Räuber am Sonntag seine Bilder nicht stehlen können."


Und dann stellt sich schon in Brechtscher Manier die Frage, ob hier nicht Gangster Ganster beklaut haben:

"Waffenexporteur Bührle kaufte sich in den dreissiger, vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wie besessen Kunst. 1934 kaufte er eine erste Zeichnung von Degas. Mit dem Geld aus dem Waffenverkauf legte sich der Kunstsammler den Boden für seine gepflegte Sammlung (und zahlte der Stadt Zürich 1954 den Kunsthaus-Neubau - vier Millionen Franken). Bührle hatte seine Flugabwehrkanonen in den dreissiger Jahren in über dreissig Länder verkauft, wo sich KommunistInnen und FaschistInnen damit gegenseitig totschossen. Die siebentausend Flabkanonen, die er an Hitler verkaufte, machten den ehemaligen Kavallerieoffizier der deutschen Reichsmacht und Kunststudenten Bührle definitiv zum Mehrfachmillionär und füllten seinen Keller mit Kunst. Seine Sammlung gehörte bereits in den fünfziger Jahren zu einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt: Vierzehn Van Goghs, neunzehn Cézannes, zwölf Renoirs, zwölf Monets, fünfzehn Manets. «Wer bei Bührle stiehlt, stiehlt immer in Millionenhöhe», sagt ein Kunsthistoriker.

Dreizehn Bilder, die er nach dem Krieg kaufte, waren Raubkunst der Nazis. Per Gerichtsentscheid wurde Bührle 1948 gezwungen, die Bilder an die jüdischen Besitzer zurückzugeben. Neun kaufte er später zurück. Das jetzt gestohlene Cézanne-Bild «Der Knabe mit der roten Weste», kaufte er 1948. Es ist 80 cm hoch und 64,5 cm breit. Der französische Künstler malte es in den Jahren 1894/95 in der Rue d'Anjou in Paris. Es gilt als eines der schönsten Figurenbilder überhaupt. Als der Waffenexporteur das Bild kaufte, war die Kunstwelt noch längst nicht derart ökonomisiert (auch wenn die Summe für jene Zeit bereits stattlich war). Bührle bezahlte für das 100-Millionen-Franken-Werk eine Dreiviertelmillion."


Solange aber nicht klar ist, wer das war, könnte mal ein anderer Brechttext zur Abwechselung zitiert werden:

"In Erwägung, ihr hört auf Kanonen
and're Sprachen könnt ihr nicht versteh'n
müssen wir dann eben, ja das wird sich lohnen
die Kanonen auf euch dreh'n."
(Resolution der Kommunarden)

Hier eine Neuvertonung von der bereits in der zu DDR-Zeiten systemkritischen Band "Freygang":


Nachzutragen wäre noch der SPIEGEL-Titel



vom 28.1. 2008. Damit knüpft der SPIEGEL an die derzeit schlechte Stimmung für die zockenden Banken an. Aber wenn die die Heuschrecken entdecken, ist Vorsicht angesagt. Von denen eine solche verkürzte Kapitalismuskritik serviert zu bekommen, besagt nichts Gutes.

Was die Rosenheimer Oberbürgermeisterin hier hinlegt, ist das, was die Situationisten einstmals als Rekuperation bezeichnet haben. Das meint, wenn die Kritik eines Sachverhaltes zur Apologie desselben umgedeutet wird:

Aus den "Rosenheimer Nachrichten" (14.6. 2007) erfahren wir unter der Überschrift «Eine beispielhafte Erfolgsgeschichte» wie man Bert Brecht auch umdeuten kann:

"Rosenheim - Mit einem stilvollen Festakt hat die Volksbank Raiffeisenbank Mangfalltal-Rosenheim eG im Kultur- und Kongresszentrum ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Mehr als 650 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft folgten am Dienstag Abend der Einladung zu einem Streifzug durch «100 Jahre Rosenheimer Bankgeschichte».

«Mit Mut, Selbstlosigkeit, Idealismus und Pioniergeist gründete im Juni 1907 der Hafnermeister Georg Gradl gemeinsam mit 23 Gewerbetreibenden die Handwerker- und Gewerbe-Kreditgenossenschaft Rosenheim», erinnerte Vorstandsvorsitzender Dietmar Dambach an die Geburtsstunde der Genossenschaftsbank. Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer zitierte in ihrem Grußwort Bertolt Brecht, der einmal sagte, «ein Bankraub ist das Werk von Idioten, wahre Profis gründen eine Bank». Bauers Folgerung: «Die Gründer der Handwerker- und Gewerbe-Kreditgenossenschaft Rosenheim, der heutigen Volksbank Raiffeisenbank, müssen Vollprofis gewesen sein». Die Rathauschefin würdigte das Kreditinstitut als «tragende Säule des Finanzplatzes Rosenheim». Platz 1 unter allen Finanzdienstleistern im Rosenheimer Kundenspiegel, die wiederholte Auszeichnung als einer der besten 100 Arbeitgeber Deutschlands, 73.000 Kunden, 23.000 Mitglieder und ein Bilanzgewinn von 1,5 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2006 seien eindrucksvolle Belege."

titelt die taz (18.01. 2007) heute über ein Portrait des afrikanischen Bankiers Alfred Kalisa ("Rwandan banker and businessman"). Dabei steigt Dominic Johnson mit dem Brecht-Zitat ein, ohne einen expliziten Bezug zu dem folgenden Text herzustellen. Offenbar gilt das Zitat schon als selbsterklärend, dass man es einfach irgendwo hin stellen kann, und dann wissen alle Bescheid?


Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Das in Ruandas Hauptstadt am Dienstag eröffnete Verfahren gegen den mächtigen Bankier Alfred Kalisa sagt viel über die Schattenseiten des "neuen Ruanda" aus, das sich seit dem Völkermord 1994 als Land der Modernisierung neu zu erfinden versucht.


Zu den "Gaunereien" des Herrn Kalisa

Die Neue Osnabrücker Zeitung berichte aus dem Kreis Emsland (11.01.2007)

Ímmerhin ist in Osnabrück Bert Brecht noch "ein provokanter Bühnendramatiker":

Was ist eine Bank - ein Haus voller Geld?

Lingen. Bereits der provokante Bühnendramatiker und Schriftsteller Bertolt Brecht bemerkte: "Bankraub ist eine Unternehmung von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank."

Für reichlich jungen Nachwuchs in der hohen Finanzwelt sorgt nun der KinderCampus Lingen: Gemeinsam mit Professor Gunther Meeh schauen die großen kleinen Studierenden zwischen zehn und zwölf Jahren hinter die Kulissen der großen Bankhäuser und erfahren vielleicht auch den einen oder anderen wertvollen Börsentipp.

An letzterem dürften insbesondere die Eltern und Lehrer interessiert sein, die die Vorlesung des KinderCampus im Nebenraum des IT-Zentrums in Lingen per Leinwandübertragung mit verfolgen dürfen.

Grundlage der Vorlesung von Professor Meeh, (...) ist eine einfache Beobachtung: Alle Menschen haben - mehr oder weniger häufig - mit Banken zu tun. Sie haben Sparbücher, bezahlen ihre Rechnungen und heben mit ihrer Kredit- oder der EC-Karte am Automaten Geld ab. Da mag sich so manches Kind schnell fragen: "Was ist eigentlich eine Bank - ein Haus voller Geld?" Noch sind einige der 200 heiß begehrten KinderCampus-Plätze im IT-Zentrum Lingen frei.

Oder wie es heißt es mitunter so schön:
Die Sparer von heute, sind die Bankräuber von morgen ...

weiss man um die Herkunft des Brecht-Zitats:

"Was ist schon ein Bankraub
gegen die Gründung einer Bank? War das nicht ein Spruch von Bert Brecht?
Spike Lee hat ihn verfilmt. Absolut sehenswert: Inside Man

[update] Wir haben festgestellt, dass unser Zitat aus der Dreigroschenoper stammt."

Beim Brecht-Fest des Berliner Ensembles wird die Entpolitisierung des Dramatikers beklagt. Der Kölner Stadtanzeiger (04.09.06) berichtete:

Eine Brecht-Andacht wird zelebriert. Drei Wochen lang hatte das Brecht-Fest am Berliner Ensemble dokumentiert, dass der vor 50 Jahren gestorbene und seither oft totgesagte Dramatiker noch ziemlich lebendig ist - vor allen Dingen auch außerhalb des eigenen Sprachbereichs.
(...)
Deutlich wurde, dass Theaterleute (Manfred Karge, Peter Sodann, Hermann Beil) besser Brecht-Texte rezitieren können als Politiker (Jürgen Trittin, Gregor Gysi, Hermann Scheer, Ottmar Schreiner, Gesine Lötzsch). Schwer haben es Grenzgänger wie der Barde („Lerryn“) und Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm, der in keiner der beiden Welten so recht daheim zu sein scheint. Einig war man sich bei den Vertretern der roten, grünen und der ganz roten Fraktionen, dass Brecht-Gedanken und Zitate immer noch eine wichtige Rolle im politischen Alltag spielen. Beklagt wurde freilich, dass Brecht zunehmend zum Liebeslyriker entpolitisiert und zum kulinarischen Bühnenautor reduziert werde. Die anklagenden Finger wiesen dabei auf die andere Seite der Spree, wo im Admiralspalast die „Dreigroschenoper“ als Event gefeiert wird, dem auch die Deutsche Bank (als Sponsor) und deren Chef Ackermann zustimmend applaudierten - selbst an jener berüchtigten Stelle, wo davon die Rede ist, dass ein Banküberfall nur eine lässliche Sünde sei im Vergleich zur Gründung einer Bank.

 

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