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Das Weblog zur Volkskunde des Bankraubs

 

Politischer Bankraub

Die NZZ (26.10.2009) erinnert anlässlich der Wahlen in Uruguay daran, dass der "Alt-Guerillero Mújica" einst bei den Tupamaros kämpfte, ziemlich lange im Knast sass und darüber hinaus an einigen Banküberfällen zur Geldbeschaffung beteiligt gewesen ist.

"In Uruguay kommt es zur Stichwahl um das Präsidentenamt. Der frühere Guerilla-Kämpfer José Mújica gewann die erste Runde zwar klar, verfehlte aber die absolute Mehrheit. Die Amnestie für Schergen der Militärdiktatur wird nicht aufgehoben.

(sda/dpa) Nach Auszählung von rund einem Fünftel der Stimmen kam der 74-Jährige Kandidat des regierenden Linksbündnisses Frente Amplio (FA, Breit Front) auf 40,6 Prozent der Stimmen. «Unsere Anhänger fordere ich zu einer weiteren Anstrengung auf», sagte Mújica. Aber das Ergebnis gebe «Anlass zur Hoffnung». Mújica war Mitglied der Guerilla-Gruppe Tupamaros und nahm an Überfällen, Entführungen und Bankrauben teil. Er sass insgesamt 15 Jahre in Haft.

Am 29. November kommt es zur Stichwahl zwischen Mújica und dem Zweitplatzierten der Wahl, dem konservativen Ex-Präsidenten Luis Alberto Lacalle.


(...)

Via Indymedia lesen wir: (umpaumpa 02.10.2009 22:12)

Alfredo Bonanno und ein bisher nicht genannter Mann griechischer Herkunft wurden in Trikala - Griechenland festgenommen. Ihnen wird ein Bankueberfall vorgeworfen.
Der italienische Anarchist Alfredo Maria Bonanno wurde gestern gemeinsam mit einer anderen Person aus Griechenland verhaftet. Ihnen wird ein bewaffneter Raubueberfall in einem Bankinstitut der Stadt Trikala vorgeworfen.

Die genaueren Informationen sind bisher zu vage um diese hier zu berichten.
Soweit nur die Basics. Laut seiner Lebensgefaehrtin geht es Bonanno gut soweit.

A. Bonanno ist bekannt fuer seine provokative Form des Schreibens. 1977 wurde er fuer seinen Text "Die bewaffnete Freude" deswegen 1 1/2 Jahre eingesperrt.

Er ist Autor vieler Texte, unter anderen, "Die anarchistische Spannung," "Lasst uns die Arbeit zerstoeren," "Vom Zentrum zur Peripherie," "Distruggiamo la religione," etc.

1997 wurde er vom italienischen Staatsanwalt Marini und den italienischen Behoerden als Fuehrer einer fiktiven anarchistischen Bande (ORAI-Revolutionaere Anarchistische Insurrektionalistische Organisation) bezeichnet und zu 6 Jahren Knast verurteilt.
Damals schon wurden Reden die er im Hoersaal der Uni von Thessaloniki - Griechenland hielt, als "Geheimtreffen" bezeichnet und gegen ihn im italienischen Verfahren verwendet.
2003 musste er dafuer 2 Jahre in Triest absitzen und weiters in Hausarrest.
Nach letzten Infos wird er am Montag dem Richter vorgefuehrt.

Ueber die zweite Person ist nur das Alter offiziell bekanntgegeben: 46 Jahre. "


Hier eine italienische Quelle, in der Bonanno als zentraler Theoretiker eines gewaltbereiten Anarchismus bezeichnet wird.

xbox Als "ehrbarer Luftpirat" ist Hermínio da Palma Inácio der NZZ (18.7.2009) "Aufgefallen" (so heisst die Rubrik des durch und durch bürgerlichen Blattes aus Zürich. Hermínio da Palma Inácio gilt seit 1961 nicht nur als Pionier der Flugzeugentführung in der Geschichte der Luftfahrt (Décès du premier pirate de l'air de l'histoire) sondern ist in Portugal auch als revolutionärer Bankräuber "aufgefallen":

"A 17 de Maio, assaltam o Banco de Portugal da Figueira da Foz, de onde levam 30 mil contos, quantia grossa para a época. Uma avioneta os espera no aeródromo de Cernache. Fogem para o Algarve e depois..."

xboxIm Expresso wird er von dem portugiesischen Schriftsteller und Politiker Manuel Alegre wie bereits von Camilo Mortágua als "Uma figura romântica", gewürdigt. Isabel Oneto sprach in ihrer "Ordem da Liberdade"ebenfalls vom
"o último herói romântico de Portugal".

Hermínio da Palma Inácio, der Meister der Anschläge gegen den faschistischen Diktator Salazar (Correio de Manha) starb am 14. Juli in Lissabonn. Auch kein schlechter Todestag: "Hermínio da Palma Inácio, le chef du groupe, est décédé le 14 Juillet 2009 après une vie passée de révolutionnaire à la recherche de la liberté." (Crash-Aerien.com)

Hätten wir uns doch denken können, dass Grottian hinter der Sache steckt oder zumindest mitmischt (dem hatte die Vabanque-Show seinerszeit in der Volksbühne schon ziemlich getaugt). Jedenfalls abe es neben Hamburg auch in Berlin neue Formen von Banküberfall (SpiegelOnline):

xbox
Ein Scheck über 33 Milliarden Euro

Kreativer Bildungsprotest: In Berlin, wie in anderen Großstädten, spielten Studenten und Schüler heute Bankraub und forderten mehr Geld für Bildung. In der Hauptstadt stürmten sie gleich mehrere Filialen. SPIEGEL-ONLINE-Autor Torben Waleczek war in einer Zweigstelle dabei.


Es ist Bildungsstreikwoche in Deutschland - und nach einem gemächlichen Auftakt und Massendemonstrationen am Mittwoch waren für Donnerstag bundesweit symbolische Banküberfälle angekündigt.

Den Schüler und Studenten missfällt, dass der Staat Milliardenbürgschaften für wankende Banken gewährt, während Schulen und Universitäten nach ihrer Ansicht zu kurz kommen. Fingierte Angriffe starteten darum unter anderem in München, Hamburg, Flensburg, Köln und Erfurt.

In Berlin versammelten sich am Nachmittag einige hundert Demonstranten vor der Filiale der Hypo Real Estate. Doch das Gebäude ist von der Polizei schon so stark gesichert, dass niemand hineinkommt.

Nach Ansprachen von Peter Grottian, Politikwissenschaftler und Initiator der Banküberfall-Idee, von Gewerkschaftern und Schülervertretern kommt plötzlich das Zeichen zur Attacke: "Löst eure Schecks ein!", ruft ein Sprecher über die Lautsprecher. Die Menge teilt sich in mehrere Gruppen, die in unterschiedliche Richtungen auseinander stieben. 50 Demonstranten schaffen es vor den Polizisten in eine Filiale der Deutschen Bank, etwa 15 in die Postbank und 40 in die Commerzbank in der Tauentzienstraße.

"Wenn ihr jetzt geht, muss die Polizei nicht räumen"

Hier fliegen Broschüren und Formulare durch das Treppenhaus, Sprechchöre mit dem Megafon hallen von Treppen und Wänden wieder. Polizisten blockieren mittlerweile den Eingang und rangeln mit nachrückenden Demonstranten, die noch hinein wollen.

Plötzlich geht alles sehr fix. 300 Meter im Sprint, einmal um die Ecke, bei Rot über die Straße - und rein in die Bank. Die Polizei kommt so rasch nicht hinterher. Etwa 40 Demonstranten stürmen in die Commerzbank-Filiale am Berliner Europacenter - Banküberfall.

STUDENTEN STÜRMEN BANKEN: GELD HER, FÜR DIE BILDUNG!




Drinnen in der Filiale geht ein Konfettiregen nieder, laute Rufe hallen durchs Foyer. Immer wieder: "Geld für Bildung statt für Banken." Manche Demonstranten tragen schwarze Kapuzenpullover und Sonnenbrillen, die meisten sind alltäglich gekleidet. Die Anzugträger an den Schaltern schauen entgeistert. "Angst macht mir das nicht", sagt eine Bankangestellte. "Aber es ist ziemlich laut."

"Löst eure Schecks ein!"

Die jungen Leute stürmen in die erste Etage, suchen den Filialleiter. Der soll den übergroßen Papp-Scheck unterschreiben, den sie mitgebracht haben. Eingetragene Summe, die sich die Studenten und Schüler für die Bildung wünschen: 33 Milliarden Euro.

Die Welt (19. Juni 2009)

"Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank, fragte sich schon Bertolt Brecht. Die demonstrierenden Studenten mögen gestern ähnlich gedacht haben: Im Rahmen ihres einwöchigen "Bildungsstreiks" inszenierten sie eine Art politischen Bankraub in Hamburg.

Protestler stürmten am Nachmittag nach eigenen Angaben neun Bankfilialen in der Innenstadt, es blieb dabei jedoch wie angekündigt friedlich. Sobald Hausverbote ausgesprochen wurden, verließen die Demonstranten die Banken. Die Polizei war zwar vor Ort, brauchte aber nicht einzugreifen und beschränkte sich darauf, Eingänge von Banken zu sichern.

Die Studenten "überfielen" die Hauptfiliale der HSH Nordbank, wo rund 50 Demonstranten die Kassenhalle stürmten, sowie Filialen der Haspa, der Commerzbank und der Deutschen Bank. Nach ihrem Rauswurf aus der Deutschen Bank in der Spitaler Straße demonstrierten rund 100 Studenten vor der Filiale, die Polizisten sicherten.

Mit der Aktion wollten die Streikenden darauf aufmerksam machen, dass Banken in der Krise sofort mit Finanzspritzen in Milliardenhöhe versorgt würden, für Bildung aber kein Geld da sei, so ein Sprecher. Zum anderen demonstrierten sie damit gegen die Präsenz von Banken im Hochschulrat der Uni.

Tilmy Alazar, Studentensprecher, äußerte sich zufrieden: "Wir konnten unser Anliegen vielen Kunden und Verantwortlichen verdeutlichen und auf unsere Situation aufmerksam machen." Die Aktion sei "ein großer Erfolg" gewesen.


Zum ganzen Artikel

Bei Indymedia (19.6.2009) gibt es einen Aktionsbericht, der etwas genauer berichtet und von mehren Ortsbegehungen berichtet:


"Banküberfälle in Hamburg"

"Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" fragten sich gestern viele Studis und wollten Geld für Bildung dort einfordern, wo es nach wie vor liegt: In den Banken.
Auffällig unauffällig verließen gestern etwa 200 Studierende das Uni-Gelände. Aufgeteilt in vier Gruppen, die wiederum in Kleingruppen unterwegs waren, ging´s in die Hamburger Innenstadt. Auf einer zuvor stattgefundenen "Krachparade" hatte sich die Polizei bereits schützend vor sämtlichen auf der Route liegenden Banken postiert. Nun wurden jedoch völlig problemlos z.B. die Geschäftsräume der HSH-Nordbank betreten, eine Regionalbank, die im vergangenen Herbst 30 Milliarden € Staatsbürgschaft beantragt hat. In der Bank wurden Flugis verteilt, Konfetti geworfen, eine kurze Kundgebung improvisiert und dabei mehr Geld für Bildung statt für Banken gefordert. Die Angestellten reagierten mit Kopfschütteln, die Kunden waren meist völlig verdattert. Lediglich der Security-Dienst verhielt sich, den Umständen entsprechend, relativ locker. Ein Rentner rief eilig die Polizei. Doch als diese eintraf, waren die Studis schon auf dem Weg nach draußen. Insgesamt wurden an dem Nachmittag neun Banken "überfallen".

Bald waren jedoch rund um den Rathausmakt und insbesondere vor allen Bankfilialen dermaßen viele Bullen unterwegs, dass der Ausflug immer mehr zu einem Katz- und Mausspiel wurde und ein weiteres Bankenbegehen nun nicht mehr möglich war. Einige Studis wurden kurzzeitig gekesselt und es wurden ihre Personalien aufgenommen. Vor der Hamburger Sparkasse am Jungfernstig gab´s noch eine, gut bewachte, Kundgebung. Die Hamburger Sparkasse sitzt im Hamburger Hochschulrat und nimmt so direkten Einfluss auf die Universität. Auch darüber machten die Studis ihren Unmut laut. Danach ging´s mit einer Demo zurück zum Campus.

Im Hauptgebäude stürmten die Studis zum Präsidium. Die Protestierenden forderten lauthals den Rücktritt von Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz, die aufgrund ihres autoritären Führungsstils auch von Dozenten zunehmend gehasst wird. ( http://www.zeit.de/online/2009/24/krise-uni-hamburg) Das Präsidium war jedoch abgeschlossen. Danach liefen die Leute, unterstützt durch einige Musikanten von der Krachparade, in den AStA-Trakt, um den AStA-Vorsitzenden Severin Pabsch (Jusos) auf sein unsolidarisches Verhalten anzusprechen. Der gewählte Studierenden-Vertreter hatte sich gegenüber der Presse vom Streik distanziert und gegen die "pöbelnden Studenten" gewettert. ( http://www.abendblatt.de/hamburg/article1053460/Studenten-blockieren-Eingaenge-der-Universitaet.html) Das AStA-Vorstandsbüro war jedoch abgeschlossen. Mit reichlich Krach liefen die Protestierenden dann noch durch die Gebäude der Wirtschaftswissenschaften und der Jura-Fakultät. Diese beiden Fachschaften fielen bei einer Abstimmung über Studiengebühren im Mai mit der höchsten Anzahl von Gebühren-Befürwortern auf. "

Der Deutschlandfunk sendet am Samstag, den 28. Februar 2008, um 00.05 Uhr das Kriminalhörspiel „Marlov - Rumänische Rhapsodie“ von David Zane Mairowitz.

"Yevgeny Marlov, von der sowjetischen Obrigkeit im Moskau der 50er-Jahre geduldeter, aber wenig geliebter Privatdetektiv, erhält von Nikita Chruschtschow den Auftrag, bei den "befreundeten sozialistischen Nachbarn" in Bukarest einen seltsamen Banküberfall aufzuklären. Fünf Männer und eine Frau haben einen Lieferwagen ausgeraubt, der 1,5 Millionen Lei zur ungarischen Zentralbank transportieren sollte. Marlov hat seine Zweifel, denn für den Raub werden sehr bald jüdische Intellektuelle verantwortlich gemacht. Chruschtschow wittert Gefahr, denn der spätere Diktator Ceaucescu greift bereits nach der Macht.
Auch der dritte Marlov-Krimi ist inspiriert durch einen realen Fall: 1959 wurde in Bukarest ein Bankraub inszeniert und der sogenannten "Ionaid"-Bande untergeschoben.

Der Autor des Hörspiels, David Zane Mairowitz, 1943 in New York geboren, lebt heute in Avignon und Berlin. Hörspiele u.a.: "Planet aus Asche" (Prix Ostankino 1996), "Der wollüstige Tango" (Prix Italia 1997).

Regie: Jörg Schlüter. Darsteller: Udo Schenk, Horst Mendroch, Maja Schöne, Hüseyin Michael Cirpici, Axel Gottschick, Omar El-Saeidi, Markus Kloster u.a. Produktion: Westdeutscher Rundfunk 2008. Länge: 54 Minuten

Der Trotzdem-Verlag kündigt folgendes Buch an:

Osvaldo Bayer: Besorgen, was für die Freiheit gebraucht wird
Argentinien: Anarchistische Aktionsgruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.


Der Band umfasst ca. 140 Seiten, kartoniert, ca. 12.- Euro
ISBN 3-86569-902-2

Unter dem Originaltitel „Los Anarquistas Expropiadores“ (Die enteignenden Anarchisten) erzählt Osvaldo Bayer in mehreren Essays vom Entstehen der argentinischen Arbeiterbewegung.
Geprägt von politischen Flüchtlingen und Arbeitsmigranten aus Europa entwickelte sich zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine starke anarchistische Bewegung. Barbarische Arbeitsbedingungen und gleichzeitige Unterdrückung der Arbeiterschaft durch Polizei und Militär radikalisierten Teile der Bewegung und schienen Bankraube, Überfälle oder Geldfälschung zur Finanzierung der politischen Aktionen und Unterstützung der Familien notwendig zu machen. Die Aktionen erregten nicht nur in Argentinien ungeheures Aufsehen und führten auch innerhalb der anarchistischen Bewegung zu Diskussionen über die Methoden des Widerstands.

Osvaldo Bayers Essays zur argentinischen Sozialgeschichte bieten einen außergewöhnlichen Weg, sich diesem südamerikanischen Land zu nähern.



Hier ein Interview von 2002

Bei Youtube gibts eine Reihe von Filmen mit Interviews zu unterschiedlichen Themen wie Madres Coraje (spanisch).

Spanische Wikipedia enthält ein Portrait des Schriftstellers und Filmemachers

haben sich laut einem Jungle-World-Beitrag (1/2008) offenbar wieder verstärkt dem Bankraub zugewendet.


"Her mit dem schönen Leben!

In Griechenland ist es unter Anarchisten in Mode gekommen, sich öffentlichkeitswirk­sam als Arbeitsverweigerer zu Banküberfällen zu bekennen. In der anarchistischen Szene wird dies größtenteils kritiklos bejubelt. "


Schon der Einleitungstext ist im üblichen Jungle-World-BesserLinke-Distinktionsgestus verfasst ...

"Er liebte das Spiel mit Mysterien" lautet die Überschrift eines Interviews von Stefan Reineck und Christian Semler in der taz (4.12. 2007), die den Stalin-Biographien Simon Sebag Montefiore interviewten:

War Stalin letztlich nicht viel mehr als ein Bankräuber? Wie entscheidend war die Gewalt, die der spätere Sowjetdiktator in seiner Kindheit erfuhr? Der britische Autor Simon Sebag Montefiore hat Stalins Privatleben erforscht und dabei eine lebenslange "Haltung der Konspiration" entdeckt.

taz: Herr Montefiore, Sie schildern zu Beginn Ihres Buches die immerwährenden Prügel, die Stalins Eltern ihrem Sohn verabreichten. Welche Bedeutung für die Persönlichkeit Stalins messen Sie dem bei?

Simon Sebag Montefiore: Häusliche Gewalt als erklärenden psychologischen Faktor einzuführen scheint etwas billig. Wie viele Menschen wurden als Kind geprügelt oder hatten einen Vater als Alkoholiker, ohne später zu Tyrannen und Mördern zu werden? Solche Erklärungen sind ähnlich gestrickt wie die These, wir hätten es bei Stalin (oder bei Hitler) schlicht mit Verrückten zu tun. Beide waren sehr effektive Politiker, die das Leben von Millionen Menschen zerstört haben. Sie sind verantwortlich. Man kann sie nicht durch den Hinweis auf Wahnsinn entlasten.

taz: Welche Bedeutung haben die Gewalterfahrungen, die der junge Stalin als Bandit in Georgien machte?

Simon Sebag Montefiore: Die "Kultur der Gewalt" ist ein wichtiger Erklärungsfaktor. Die Gegend, in der Stalin aufwuchs, war durchtränkt von körperlicher Gewalttätigkeit, von der Allgegenwart unterschiedlicher Formen von Terror. Ich würde allerdings nicht speziell von einer georgischen, sondern von einer kaukasischen Kultur der Gewalttätigkeit sprechen. Nicht nur deklassierte Gangster bedienten sich gewaltsamer Mittel wie der Erpressung, des Raubes, der Banküberfälle und der Entführung, sondern ebenso Angehörige der Oberschicht: der Typus des Aristokraten als Outlaw. Man übertreibt in diesem Zusammenhang oft die Rolle von Juden in den Reihen der Bolschewiki. Die Zahl und Bedeutung kaukasischer Revolutionäre war hingegen sehr groß - das wäre ein wirklich interessanter Untersuchungsgegenstand.


Stalin ist eigentliche ein toter Hund. Im Prinzip zielt die Attacke auf Lenin:

"taz: Warum hat Lenin, ein Mensch mit intellektuellem Hintergrund und bürgerlicher Sozialisation, sich so willig auf Stalin eingelassen und das bei Banküberfällen "sozialisierte" Geld akzeptiert?

Simon Sebag Montefiore: Nun, zum einen gibt es auch die russische Erfahrung der Gewalttätigkeit, den Nihilismus, Anarchismus, den "revolutionären Katechismus", der sich der revolutionären Gewalt verschrieben hatte. Aber wichtig ist vor allem, dass Lenin gewinnen wollte. Sein Konzept der Avantgardepartei, das er seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfolgte, stand und fiel mit der Arbeit von Berufsrevolutionären. Das war der wichtige Unterschied zu den Menschewiki. Die Avantgardepartei verlangte nicht nur Disziplin und Aufopferungsbereitschaft, sondern auch Geld, viel Geld. Für die Beschaffung bot der Kaukasus eine ausgebildete Infrastruktur.

taz: Gibt es eine direkte Verbindung zwischen Stalin, dem jugendlichen Banditen und Schutzgelderpresser, und dem Stalin des Massenterrors?

Simon Sebag Montefiore: Sicher. Stalin liebte auch später die Arbeitsmethoden seiner Jugend, geheime Operationen, Überfälle, die Liquidierung von Spionen und Abtrünnigen. Aber er war stets und zuerst Politiker. Der Terror war für ihn Mittel, nie verwandte er Gangstermethoden außerhalb politischer Zielsetzungen. Daran hat sich nie etwas geändert. Als Beispiel zum Verhältnis von Politik und Kriminalität aus der jüngeren Vergangenheit könnte man die IRA heranziehen, die sich sowohl krimineller Mittel bediente als auch - in Ulster - Kontakte zu Gangstern unterhielt, ohne jedoch jemals das "Primat der Politik" aus den Augen zu verlieren. Es gab in der bolschewistischen Partei und ihrem Sympathisantenkreis Leute, die nur und ausschließlich auf Terrorismus spezialisiert waren. Stalin konnte beides - Artikel schreiben und Terror ausüben. Sicher war, was er schrieb, viel unbedeutender als Lenins intellektuelle Produktion. Aber Lenin wäre nie imstande gewesen, beispielsweise ein Attentat zu organisieren. Stalin, der Allrounder, war und blieb Berufsrevolutionär, auch als nach der Niederlage der Revolution von 1905 sich viele Bolschewiki zurückzogen und einen "normalen" Beruf auszuüben begannen."


Weitere Rezensionen Simon Sebag Montefiore:
Stalin. Am Hof des roten Zaren
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 3100506073. Gebunden, 856 Seiten, 24,90 EUR

sowie eine Rezension der englischen Ausgabe

Nach wie vor empfehlenswert, und wesentlich weniger ideologisch, die Sisyphusarbeit von Wladislaw Hedeler: Josef der Räuber - Revolutionärer Terror in Rußland. In: Schönberger, Klaus (Hg.): Vabanque. Bankraub.Theorie.Praxis. Hamburg u.a. 2000, S. 134-147.

Der Dezember ist wie im wirklichen Leben auf arte, der Bankraubmonat.

Mittwoch, 5. Dezember 2007 um 20.40 Uhr
VPS : 20.40
Wiederholungen :
08.12.2007 um 14:00
Zorro und Patty Hearst
(Usa, 2004, 89mn)
ARTE F
Regie: Robert Stone

Aus der Online-Ankündigung

die offenbar auch noch vom Distanzierungszwang getrieben, geschrieben wurde. Vgl. zu diesem Film auch hier im Blog

Mit zahlreichen Archivaufnahmen zeigt der Dokumentarfilm die spektakuläre Entführung von Patricia Hearst, Erbin des amerikanischen Pressemagnaten William Randolph Hearst, im Jahr 1974 durch Mitglieder der revolutionären "Symbionese Liberation Army", kurz SLA. Während sich Patty Hearst kurz nach der Entführung zu den obskuren Zielen der Gruppe bekannte, gab sie nach ihrer Verhaftung an, unter Zwang gehandelt zu haben. Die Jagd auf Patty Hearst und ihre Entführer war das erste moderne Medienspektakel, das die Grenze zur Hysterie erreichte.


ARTE F
1974 wurde Patricia Hearst, Studentin an der kalifornischen Universität Berkley und Enkelin des Pressemagnaten William Randolph Hearst (1863 - 1951), von einer revolutionären Gruppe namens "Symbionese Liberation Army - SLA" entführt. Damit begann ihre Karriere als Medienstar. Wenige Wochen nach ihrer Entführung verwandelte sich das Opfer - offenbar freiwillig - in eine Komplizin. In den folgenden Monaten nahm sie an kriminellen Aktionen der SLA teil, unter anderem an einem Banküberfall, bekannte sich öffentlich zu den Zielen der SLA und bezeichnete ihre Kidnapper als Helden. Als sie im September 1975 festgenommen wurde, erklärte sie, unter Zwang gehandelt zu haben.
Die waghalsige Entführung Patty Hearsts führte zur ersten echten Medienhysterie, die sich noch verstärkte, als Patty unter dem Decknamen Tania zum SLA-Mitglied mutierte. Alle Einzelheiten der Radikalisierung der Gruppe mit ihren illusorischen politischen Vorstellungen wurden vor der Öffentlichkeit ausgebreitet. Es entwickelte sich ein Spektakel, das die schlimmsten Exzesse des heutigen Fernsehjournalismus vorwegnahm.
Aus jetziger Sicht - insbesondere nach dem 11. September 2001 - scheint das zweijährige Versteckspiel zwischen SLA und Sicherheitskräften exemplarisch für die Auswüchse einer überzogenen Ideologie zu sein, das neue Medienverständnis und die romantischen Fantasien des modernen politischen Terrorismus.

ZUSATZINFORMATION
Filmemacher Robert Stone sagt über seinen Dokumentarfilm: "Die SLA stellt vielleicht die letzten Zuckungen einer sozialen und politischen Umwälzung dar, die summarisch mit 'Die 60er Jahre' belegt wurde. Aufstieg und Fall der SLA können als eine Eisenbahnkatastrophe in Zeitlupentempo betrachtet werden, bei der sich die Bewegung bis zu ihrem zwingenden Ende hinzieht, bis sie schließlich in einer gewaltigen Explosion mündet. Die Entführung von Patty Hearst war wie ein Prisma, durch das alle, von links bis rechts und von jung bis alt, zu begreifen versuchten, was der amerikanischen Jugend im vergangenen Jahrzehnt zugestoßen war. Danach hat sich das, was wir die Generation der 60er Jahre nennen, in einem Nebel von Diskomusik und Kokain aufgelöst. Die Revolution, wenn sie überhaupt existiert hat, war beendet."
Robert Stone, von dem auf ARTE bereits "The Satellite Sky" und "Radio Bikini" gezeigt wurden, bettet die Erzählung der Ereignisse in eine virtuose Filmkonstruktion. Der gekonnte Einsatz des Archivmaterials erhellt die zahlreichen Berichte damaliger Protagonisten, insbesondere die von Russ Little, einem ehemaligen SLA-Mitglied.

 

twoday.net AGB

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