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Das Weblog zur Volkskunde des Bankraubs

 
In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (16.4. 2006 - leider nicht online) gibt es zur Abwechslung nun einen lesenswerten Artikel in Sachen Bankraub. Während im Februar-Dossier anläßlicher der Frankfurter Postraub-Ausstellung die in das Dossier eingeflossenen Vorarbeiten der AutorInnen von Va Banque und dieses Blogs quasi verschleiert wurden, stellen sie im vorliegenden Artikel von Matthias Heine den Ausgangspunkt dar. Der Anlaß für den Artikel sind die Entwicklungen der Kriminalstatistik.
[Zum FAZ-Autor: Wegen eines anderen Artikels bekommt Matthias Heine auch im Netz schon mal Gegenwind. ]

"Der Bankraub wird im Kino zwar immer zelebriert. Aber in der Kriminalstatistik ist dieses Delikt kaum noch von Bedeutung."

Ausgehend vom Kino-Klassiker Bonnie & Clyde wird unter Berufung auf den Herausgeber von "Va Banque", Klaus Schönberger, auf den Zusammenhang zwischen der Zahl der Ersttäter und der Popularität des Bankraubs hingewiesen.

"'Das Faszinierende an dem Delikt ist ja auch, daß es hier so viele Anfänger gibt, in Österreich sind etwa 80 Ersttäter', stellt der Tübinger Kulturwissenschaftler 2001 anläßlich des von ihm herausgegebenen Standardwerks 'Va Banque! Bankraub, Theorie, Praxis, Geschichte' fest. Verschuldete Verzweiflungstäter spielten eine große Rolle und natürlich auch Beschaffungskriminalität von Drogensüchtigen, so der Experte."

Heine zitiert hier aus einem Interview mit Christian Schachinger vom Wiener "Standard" (26.4. 2001), wobei allerdings der Begriff "Drogensüchtige" von FAZ-Autor stammt. Darüber hinaus wird in diesem Interview dieser Typus von Bankräuber als einer neben anderen aufgeführt.

Abgesehen davon, dass es das Wesen eines Mythos ist, dass er mit der Realität nur wenig zu tun hat, ist es schon richtig, dass die soziale Wirklichkeit des Bankraubs und seine popkulturelle Aufbereitung nur wenig gemein haben:

"Der Mythos vom kriminellen Genie hinter dem Bankraub, den der Film 'Inside Man' gerade noch mal im Kino beschwört, entspricht also selten der Realität."

Heine zieht die Zahlen der Kriminalstatistik heran und verweist darauf, dass es bundesweit im Jahr 2005 nur 667 Banküberfälle gegeben habe. Als Ursache sieht er wie die meisten Beobachter die gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen. Und er erweist sich als gelehriger Leser dieses Blogs:

"Wer mehr erbeuten will, muß Transporte überfallen oder gleich den ganzen Automaten mitnehmen. Als orginelle Alternative daraf auch die Gründung eines Geldtransportunternehmens gelten, bei dem man dann einfach die anvertrauten Summen unterschlägt. So machten es vor kurzem Mitarbeiter der pleite gegangenen Firma Heros."


Schließlich prognostiziert Heine die möglichen Konsequenzen für die Popukultur:

"Der Niedergang des Bankraubs wird Folgen für die Popkultur haben. Denn gerade diese Hohe Beteiligung von Anfängern, Amateuren und Spontis macht den Bankraub so populär: Anders beim Kneipenüberfall wo Unterschicht auf Unterschicht trifft, steht beim Banküberfall geradezu idealtypisch der Mann des Volkes (Frauen sind wie bei allen Schwerverbrechen in der Minderheit) einer der verhaßtesten Institutionen des Kapitalismus gegenüber."

Die Aussage im ersten Teil des Absatzes würde ich so nicht unterschreiben. Die Popularität von Banküberfällen dürfte sich weniger aus der Beteiligung der Anfänger ergeben, die waren ja nicht filmreif, sondern aus den wenigen spektakulären und gelungenen mit Stil und Format. Aber die Frage ist berechtigt: Wird der Rückgang Folgen in der Popkultur haben? Ich vermute eher nicht, weil diese Mythen ihre Nahrung sowieso aus den spektakulären Einzelfällen und Millionencoups beziehen.

Schließlich liefert der Artikel eine Reihe von interessanten (historischen) Aspekten zur Geschichte und Gegenwart des Bankraubs und zeichnete sich dadurch aus, dass er immer wieder den gesellschaftlichen Kontext herzustellen vermag. Und der Verfasser erzählt nicht einfach das nach, was überall behauptet wird ,sondern fragt sich, ob die Statistiken und gegenwärtigen Vergleiche tatsächlich das realistische Abbild der Entwicklung liefern. Schließlich bemerkt Heine als erster unter den Journalisten, dass es methodisch zweifehaft ist, die Zahlen der alten BRD mit dem wiedervereinigten Deutschland unisono gleichzusetzen [Aber das erwarten wir auch von einem FAZ-Journalisten].

Gegen Ende des Artikels liefert Heine noch ein nettes Bild:

"Doch dieser Wiedervereingigungsboom ist lange vorbei. Heute ist Bankraub gewissermaßen die Vinyl-Schallplatte unter den Verbrechen: nur noch etwas für Liebhaber, Spinner und Ewiggestrige. Bezeichnenderweise waren die populärsten Serienbankräuber des neuen Millenniums eine Gang von tradtionsbewußten alten Herren, die 1999 bis 2004 in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Geldinstitute überielen. Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung waren sie 63, 72 und 74 Jahre alt."

Na ja, das ist so ein nachträglicher Medienhype gewesen, vorher wusste man nicht, dass die Burschen so alt waren. Man sollte die wirkliche Popularität von Gangstern auch nicht aus der Anzahl der über sie geschriebenen Zeitungsartikel ableiten. Aber so ein Artikel braucht natürlich elegante Übergänge und dann macht er auch Spaß zu lesen.

"Dagegen fallen junge Männer, die heute eine Bank überfallen, auf einen Mythos herein."

Stimmt schon. Das Problem ist bloß, dass es eben nicht nur junge Männer sind. Vielmehr fällt es sehr schwer, eine bestimmte Tätergruppe zu isolieren. Sprich: Jeder ist verdächtig oder um es mit den Sexpistols zu sagen: No one is innocent.

"Der bewaffnete Bankraub war von Anfang an ein besonders medienaffines Verbrechen (...)
Die Medien leiben den Bankraub vielleicht deshalb so sehr, weil er schon von seinem ganzen Ablauf einem Bühnenauftritt ähnelt [Matthias Heine ist im übrigen auch Theaterkritiker]: Aus der Unsichtbarkeit rein ins Rampenlicht, großer Monolog ('Geld oder Leben'), dann wieder der Abgang."


Hinzukommt, dass die Medien in ihrer Berichterstattung Banküberfälle genau entlang dieser Anforderung taxieren (Hierzu finden sich in diesem Blog zahlreiche Hinweise).

Und dann weist er am Ende des sehr ausführlichen Artikels noch auf einen Fall unter "Kollegen" hin:

"Manchmal wird sogar ein Medienangestellter Opfer der Fiktionen, die er mitschuf. Legendär ist die Geschichte eines Redakteurs beim Berliner Boulevardblatt 'BZ', der in den neunziger Jahren eine Bank in Neukölln überfiel. Das Fahndungsfoto, das die Polizei herausgab, ließ er seelenruhig im eigenen Blatt drucken. Geschnappt wurde er nur, weil ihn eine Freundin verriet. Ansonsten war er in jeder Beziehung ein klassischer Bankräuber, wie ihn Klaus Schönberger beschreibt: Ersttäter, hoch verschuldet und wegen seiner Heroinsucht in Geldnot."


Das sagt vielleicht auch mehr über das BILD-Zeitungs-Milieu aus, in dem diese Schreiberlinge verkehren.

Unabhängig von einzelnen hier kritisch vermerkten Aspekten: insgesamt ein Artikel, der sich positiv abhebt.
 

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