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Das Weblog zur Volkskunde des Bankraubs

 
Süddeutsche Zeitung, 23.11.2003

Er wehrte sich gegen jeden Zwang und wurde zum Verbrecher: Theo Berger, der Al Capone aus dem Donaumoos, ist tot

Letzter Ausbruch aus dem Leben

Viele Mörder kommen nach 15 Jahren frei, der Ganove aus der bayerischen Provinz aber büßte 36 Jahre - ein besonderer Fall für die Justiz

Von Joachim Käppner

München, 23. November - Wenn ein Mensch 36 Jahre hinter Gittern verbringt, wird er sich in dieser endlos erscheinenden Zeit oft gefragt haben: Gab es nicht irgendwann die Möglichkeit, einen ganz anderen Weg zu gehen als den der Gewalt und alles dessen, was ihr folgte? Alles anders zu machen, wenn man nur noch einmal die Chance hätte, dem "stürmischen Bedürfnis zu folgen", wie Robert Musil in Der Mann ohne Eigenschaften schrieb, "zurückzukehren zu
einem Punkt, der vor der falschen Abzweigung liegt". Das Verstörende am Leben des Theo Berger ist, dass sich ein solcher Punkt gar nicht erkennen lässt, so weit man auch zurückgeht. Man wird ihn nicht mehr danach fragen können. Am Freitagabend wurde bekannt, dass sich Theo Maximilian Berger, vor 30 Jahren als "König der Ausbrecher", als "der schöne Theo" und "Al Capone vom Donaumoos" einer der meistgesuchten Verbrecher der Republik, in der Straubinger Justizvollzugsanstalt erhängt hat.

Diebstähle, Banküberfälle, schwerer Raub, verletzte Polizeibeamte - die zahlreichen Taten Bergers und seiner Komplizen waren ein Schock für die bayerische Provinz der Sechzigerjahre, die melancholische Landschaft des Donaumoos zwischen Ingolstadt und Augsburg. Freilich war Berger nicht nru ein Gewalttäter, sondern auch ein Mann mit faszinierenden Seiten, und das nicht nur, weil er Bayerns Justiz durch drei spektakuläre Fluchten aufs Äußerste rovozierte (einmal sägte er tatsächlich die Gitterstäbe durch).
Der junge Berger galt im Donaumoos als "ein wilder Hund", worin eine gewisse Anerkennung mitschwang; er war respektlos vor Autoritäten und provozierte die Fahnder, indem er vor Polizeiwachen parkte. Er war auf seine raue Art von blendendem Aussehen, ein Frauenschwarm und Rebell für eine Sache, die
ihm selbst nicht recht klar war, wie auch seine Familie meint; er wusste nur, wogegen er kämpfte: Zwang. Gegen Zwang jeder Art, gegen alle Versuche, ihn zu brechen.

berger2Neun Söhne eines Bauern
Besieht man sich diesen Lebenslauf, aus dessen Niedergang es kein Entrinnen gab, gibt er manchen Anlass zum Nachdenken über die heute so beliebte Klage, ein verständnishuberndes Jugendstrafrecht übe falsche Milde. Theo Berger wurde 1941 als zweitältester Sohn einer wenig begüterten Bauernfamilie aus Ludwigsmoos geboren, er hatte acht Brüder einer von ihnen wurde später von der Polizei erschossen. Die Jungs genossen keinen guten Ruf. In der Schule,
in der Kirche setzte es Prügel, die andere hinnehmen mochten, aber Theo nicht. Als der Dorfpfarrer mit dem Zollstock zuschlug, weil der Junge nicht recht singen wollte, schlug Theo hart zurück. Kaum volljährig, ging er für Bagatellen drei Jahre in Haft, die Strafe sollte, wie damals üblich, den Willen des jugendlichen Delinquenten brechen. Es war der Beginn einer kriminellen Karriere.

36 Jahre. Die meisten Mörder kommen nach 15 Jahren frei oder vielleicht nach 20, aber eben doch irgendwann; nur wenige Häftlinge bleiben für immer, und einer von ihnen war Theo Berger, der nie einen Menschen getötet hatte. Im März 1969 fehlte nicht viel. Da flüchtete Berger durch das verschneite Donaumoos, als ihn unweit seines Elternhauses eine Streife stellte. Berger
feuerte zweimal mit einem Colt, ein Beamter ging verletzt zu Boden. 1980 schrieb Berger sein Leben auf, daraus wurde das Buch "Ausbruch", in dem widerscheint, dass diese eisige Nacht für ihn in der Erinnerung etwas anderes war als der kaltherzige Versuch eines Gewohnheitsverbrechers, sich den Fluchtweg freizuschießen: "Die Bullen verfolgten mich seit Jahren mit geradezu unheimlichen Hass. Und nun lag da einer der ihren im Schnee."

Reue liest man da schwerlich heraus, sondern die Gedanken eines Mannes, der sich noch zu wehren glaubte oder dies glauben wollte, als er längst ein Schwerverbrecher war. Im Gefängnis kämpfte er weiter; plagte die Justiz mit Eingaben, höhnischen Briefen und Bezichtigungen. Und doch blieb all dies Aufbegehren vergeblich, es verhallte ungehört wie die Schreie eines mittelalterlichen Gefangenen in seinem Burgverließ.

Die Justizanstalt und ihre Vorgesetzten in Bayerns Justizministerium sahen Renitenz, wo sie Demut und Einsicht hätten spüren wollen. Notfalls, erklärte ein hoher Beamter des Ministeriums 1986, müsse Berger "im Gefängnis sterben". Die Behörden behandelten noch den alten und an Leukämie schwer erkrankten Berger, als hätten sie den Paten des Medellin-Kartells inhaftiert. In Kliniken wurde er in Fesseln vorgeführt; als vergangenes Jahr seine Frau starb, brachten ihn gleich drei Polizeibeamte zur Beerdigung und nahmen ihn nachher sofort wieder mit, nicht einmal einen Kaffee durfte er
mit der Familie noch trinken. "Die wollen mich tot sehen", schrieb er über Bayerns Justiz bald danach in einem Brief an die Süddeutsche Zeitung, "die haben mich in stillem Einvernehmen zum Tode verurteilt, obwohl die Todesstrafe 1949 abgeschafft wurde." Ein Antwortbrief wurde, wie er mitteilte, beschlagnahmt. Versuche, mit oder auch nur über Berger zu sprechen, wimmelten Gefängnisleitung und Justizministerium rigoros ab.

Der einsame Gefangene in Straubing wirkte in diesen Zeiten der
globalisierten organisierten Kriminalität wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, von der Gegenwart fast so weit entfernt wie die Mären von den rebellischen Räubern Schinderhannes, Jennerwein oder Kneißl, mit denen ihn manche arg romantisierende Darstellung verglich. Wie sie war er der Heimat stark verbunden.

Das Gefängnis und das Moos: Für ihn gab es nur diese beiden Orte. Das ist auch der Grund, warum Theo Berger ein großes Talent zum Ausbrechen hatte, aber nur ein kleines Talent zum Draußenbleiben. Einer wie er setzte sich nicht nach Rio ab. Er blieb bei seinen Kumpeln, seiner Familie, seinen Freundinnen; die Fahnder suchten meist nicht lange. Er sagte einmal: "Wenn ich im Gefängnis bin, träume ich vom Donaumoos; und wenn ich dort bin, vom Gefängnis."

Die vergangenen 16 Jahre hat er wieder vom Moos geträumt, davon, draußen zu sein und daheim. In Rilkes Gedicht vom Panther im Jardin des Plantes ist es dem gefangenen Raubtier, "als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt". Für Theo Berger wäre der genügsame Hospitalismus des Gefängnislebens fast noch tröstlich gewesen. Die tausend Stäbe sah er
täglich, aber er ersehnte auch die Welt dahinter, die ihm verschlossen war, seit ihn 1987 das Schwurgericht München I zu zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilte. Da hatte er seine größte Chance verpasst, zurückzukehren zu einem Punkt vor einer der vielen falschen Abzweigungen: 1985 wurde die Haftstrafe wegen seiner Krankheit ausgesetzt, doch er fiel, depressiv und vielleicht unter Einfluss der Medikamente, in sein altes Leben zurück. Berger überfiel eine Bank und wurde nach einer Schießerei mit der Polizei festgenommen, zusammen mit einem Komplizen.
Seither saß er wieder ein, all diese Jahre. Der Staat statuierte an Berger nun ein furchtbares Exempel, das dem Geist der Zeit nach Strafen und Wegschließen entsprach. In Berger brannte weiterhin der Wunsch zum Ausbruch. Nicht zu einem - weiteren - wirklichen Ausbruch, dazu waren seine Kräfte zu schwach und die Sicherheitsvorkehrungen in Straubing zu scharf. Sondern zum Ausbruch aus seinem bisherigen Leben. Einer, der ihn aus der Haft kannte, sagte kurz vor Bergers Tod: "Der Theo ist in seinen späten Jahren ein anderer geworden. Der würde keinem mehr was tun. Er ist jetzt ruhiger, er weiß, dass seine Tage gezählt sind."


Seine Tochter wartete
Für die letzten Tage oder Jahre war schon ein Platz am Tisch reserviert. Es gab ein Haus, das auf ihn wartete. Jahrelang hat seine Tochter Michaela darum gekämpft, ihn heimholen zu dürfen. Michaelas Familie wollte genau das bieten, was die Justiz bei Berger zu vermissen vorgab: eine positive Prognose. Sie hat ihren Vater über all die Jahre besucht, sich ihm fast jede Woche gegenübergesetzt an einem der eng aufgereihten Tische im Besucherraum der Vollzugsanstalt, hat mit ihm über sein und ihr Leben gesprochen und alles, was noch werden könnte; dass er jahrzehntelang nicht nur vor der Polizei geflohen ist, sondern auch vor der Verantwortung für sein Leben und das derer, die ihn liebten. Und sie hat ihren Vater geliebt, in dem Gefürchteten jemanden gesehen, "der eigentlich kein brutaler Mensch war". Einmal sagte er ihr, er sei stolz auf seine Enkel und froh, "dass sie nicht geworden sind wie ich".


Zuletzt war viel in Bewegung geraten; es gab neue Köpfe im Justizapparat und so etwas wie späte Milde. Aus humanitären Erwägungen wurde ein Tag "Ausführung" geplant, den Berger bei der Familie seiner Tochter verbringen könne; ein Test auf weitere Lockerungen. Eine knappe Woche vor seinem Tod erzählte Michaela ihm davon: "Ich habe mich so gefreut", sagt sie.

Wie so vieles im Leben Theo Bergers bleibt auch sein Motiv ein Rätsel, ausgerechnet in dem Moment aus diesem Leben zu gehen, als die Mauern der Zwänge zu bröckeln begannen. Vielleicht hat ihn, nach so vielen Jahren, doch noch die Dunkelheit erreicht, hatten Schwermut, Krankheit und Medikamente seinen Kampfeswillen gebrochen. Man wird es nicht wissen. War es sogar die Angst, der Freiheit nicht gewachsen zu sein? Konnte er einfach nicht mehr warten? Aber vielleicht hat er einfach geglaubt, dass sie ihn am Ende ja doch nicht herauslassen würden. Und ist ausgebrochen. Ein allerletztes Mal.
 

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